Aragnyas Geschichte

Aus SchnuppTrupp
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Dieses Buch kann in der großen Bibliothek von Menaphos gefunden werden.

Dieser Text wurde nach einer archäologischen Ausgrabung von einer Forschergruppe übersetzt und der Bibliothek gespendet. Das Originalmaterial wurde scheinbar kurz vor dem Niedergang der Spezies erstellt und ist für Gelehrte (wie mich) von unschätzbarem Wert, da es einen Einblick in das Zustandekommen eines Ereignisses solchen Ausmaßes bietet.

Es scheint, als sei die Spezies des Autors von anderen Zivilisationen komplett abgeschnitten gewesen und trotz der optischen Ähnlichkeit scheint auch keine Verbindung zu den Bewohnern des Spinnenreichs zu bestehen. Es gibt auch keinen Beweis für Wissen über Götter oder Magie und Funde implizieren, dass es einen grotesken Glauben gab, nach dem das Universum aufgrund einer schnellen Hitzeentwicklung entstand.


Ich muss schnell arbeiten. Falls nicht, dann befürchte ich, dass mein analytischer Geist kurzen Prozess damit machen wird, die Ereignisse von heute als Trugschluss einzusortieren. Und dann wird es zu spät sein...
Ich webe mit all meinen acht Beinen. Der Gedanke, dass es dort draußen noch andere gibt, die die intellektuelle Gabe haben, unsere Manuskripte zu lesen, bleibt weiterhin bestehen. Noch vor wenigen Tagen hätte ich eine solche Hypothese abgelehnt.
Was mache ich? Warum dokumentiere ich, 0078, solche Dinge, Dinge, die sicherlich nicht sein können? Alles, was ich gelehrt wurde, alles, was ich glaube, fordert mich dazu auf, aufzuhören, meine Arbeit zu zerstören. Logik ist Fakt und Fakt ist alles, was es gibt. Jede Kreatur, die ihre Seide wert ist, weiß, dass irrationale Ideen giftige Symptome von geistiger Instabilität sind, die um jeden Preis aus dem Genpool entfernt werden müssen! Nein. Keine Zeit. Keine Zeit.
Hier ist es: Heute sah ich ein Insekt mit nur zwei Beinen. Möge ich aus meinem Netz geworfen werden, wenn ich lügen sollte.
Der Körper sah aus, als bestünde er aus zwei Teilen: Einem Kopf und einem langen Bauch, beide in einem ähnlichen Farbton wie das blau unserer Paarungswilligen (ich nahm es kurz als kokettes, junges Männchen wahr). Diese waren in eine seltsame gelbe Substanz gehüllt - etwas, das wie unsere Seide aussah. Auf der Vorderseite des Kopfs waren nur zwei Augen und auf der Rückseite langes Fell. Stellt euch meine Neugierde vor. Der Wissenschaftler in mir wollte es erforschen, es öffnen und die Geheimnisse der merkwürdigen Anatomie herausfinden. Ich gebe zu, dass der einfache Jäger in mir weniger verfeinerte Wünsche hatte. Da war es, es lief ineffizient auf seinen beiden Beinen auf dem Waldboden und bemerkte mich in meinem gewobenen Horst nicht. Alles, was ich tun musste, war, mich abzuseilen, leise, ganz leise. Danach zu greifen und...
Ich blieb, wo ich war. Schaute länger zu. Diese bedeutsame Entdeckung war ganz allein meine. Jahrhundertelang würden Mütter ihren Frischgeborenen vom großen 0078 erzählen, der die Geschichte maßgeblich verändert hatte.
Die Kreatur stoppte und es sah so aus, als ob sie etwas anstarren würde. Die Oberbeine, nun emporgehalten, produzierten ein blaues Glühen. Erstaunt sah ich mir das mit all meinen acht Augen an.
Es waren nicht die Geräuschvibrationen oder das Licht, die mich aus dem Netz warfen, sondern die plötzliche Elektrizität, die auf einmal überall um mich herum war. Ich kann mich nicht erinnern, gefallen zu sein. Ich kann mich nur noch an meine Verwirrung und die Qualen, die darauf folgten, erinnern. Und ich realisierte, dass zwei meiner Beine gebrochen waren.
Meine Augen wurden wieder klar. Ich war dem Erdboden gleichgemacht worden und die Kreatur - einst klein und verletzlich - stand nun über mir und ihre Beine glühten blau.
Ein Moment, der mir wie ein Jahrhundert vorkam, verging. Ich verabschiedete mich von meinen Träumen von 0078, dem außergewöhnlichen Wissenschaftler, und akzeptierte mein Schicksal, indem ich mich in Unterwerfung flach auf den Boden kauerte. Dann gab es ein Rumpeln:
'Welche Kreatur wagt es, Elidinis, Göttin der Kharidianer, zu betrachten?'
Ich gebe zu, dass ich fliehen wollte. Ich hastete so schnell wie möglich mit meinen sechs übrigen Beinen weg. Aber dann war es wieder vor mir und ich weiß nicht, wie zwei Beine eine solche Beweglichkeit bewerkstelligen können. Solch eine Macht, die laut meiner Spezies unmöglich ist. Was konnte es noch tun?
Ich machte mich so klein wie möglich. Und dann sprach ich, klopfte meine Antwort in den Boden: 'Mein Name ist 0078.'
Es bewegte seinen Kopf. 'Du kennst diese Lande?'
'Dies sind die Lande meiner Vorfahren. Ich kenne sie wie mein eigenes Netz.' Dann, zögernd: 'Werdet Ihr mich töten?'
'Das kommt drauf an. Ich brauche einen Lotsen.'
'Wo kann ich Euch hinführen?'
'Es geht nicht darum, wo du mich hinführen kannst, sondern zu was du mich führen kannst', sagte es. 'Ich suche nach Aragnyas Schleier.'
Jede Faser in meinem Körper verkrampfte sich. Ich hatte diesen Namen schon lange nicht mehr gehört. Wir sprechen nicht darüber.
'Ich weiß nicht, wovon ihr sprecht', log ich. 'So ein Schleier existiert nicht.'
Das blaue Glühen wurde stärker. Das Poltern wurde rauer, lauter dieses Mal: 'Lüg mich nicht an, einfache Kreatur! Du weißt, wovon ich rede.'
Mein Körper zitterte. Aragnyas Schleier: Die Macht des Betruges, indem Fantasie als Realität dargestellt wird. Der Inbegriff der Unwahrheit, also alles, was wir verachten. Wie viele Unschuldige hatten schon ihren Verstand wegen dem Schleier verloren? Haben die Fähigkeit verloren, rational zu denken, der große Stolz unserer Spezies. Ich könnte niemals seinen Aufenthaltsort verraten, und wenn es mir mein Leben kostet!
Ich blieb ruhig, rieb meinen Körper im Schmutz, meine Beine gekringelt, als ob ich schon tot wäre. Die Kreatur schnaubte.
'Was für ein erbärmliches, elendes Ding du bist. Unterwirfst dich vor mir. Wirst du nicht auf den Befehl von Elidinis hören?'
Ich blieb still, ich war mir meines Schicksals bewusst, wartete auf den finalen Schlag.
'Wenn du nur wüsstest, wie lang und weit ich gereist bin. Wie viel ich verloren habe.'
Ihr Körper sackte in sich zusammen, ihre Beine unter den Körper gebeugt, bis sie neben mir auf dem Boden war. Und obwohl die Himmel klar waren, sah ich Regentropfen von den Augen der Kreatur fallen.
'Was für eine Gottheit bin ich? Eine Göttin ohne Anhänger, ohne Familie, ohne ein Zuhause. Ich sah, wie der Körper meines Ehemanns über den ganzen Horizont verstreut wurde, Ich habe meine Kinder schon so lange nicht mehr gesehen, seit... ich kann mich nicht erinnern. Ich habe meine Pflichten und meine Leute vernachlässigt und wurde von allen vergessen. Und jetzt tue ich so, als ob ich immer noch so mächtig bin, um den Respekt einer Spinne zu gewinnen?'
Ich zögerte, sprach behutsam. 'Ihr möchtet diese Dinge zurückhaben? Eure Familie? Euer Zuhause?'
Ihr Kopf bewegte sich wieder. 'Der Schleier ist jetzt meine einzige Chance.'
'Ihr könntet mehr Eier legen. Ein anderes Männchen suchen. Es gibt hier viele; Ihr könntet euch eins aussuchen. Falls Ihr ihnen eure Farbe zeigt, werden sie für Euch tanzen, Euch verehren.'
'Das ist nett von dir, aber nein. Ich kann nicht einfach neu anfangen. Es ist nicht so einfach für mich. Um eine Familie zu gründen... ich stamme von einer anderen Kultur. Und ich bin nicht in der Lage. Ich...'
Mehr Regenfälle.
'Ich bin jetzt so schwach.'
'Ich habe gesehen, wie Ihr die Welt um Euch herum elektrisiert habt', sagte ich. 'Regen kommt aus Euren Augen! Ihr seid mächtig!'
Ich hielt inne.
'Aragnyas Schleier ist gefährlich. Meine Art hat so viel Angst davor, weil er etwas verbirgt, das wir als heilig ansehen, nämlich Wahrheit und Logik. Er wurde gewebt, weil Aragnya eifersüchtig war: Ihre Beine waren nicht so lang wie die der anderen Weibchen und sie war ein Krüppel. Kein Männchen wollte mit ihr brüten. Indem sie den Schleier kreierte, konnte sie Mächte nutzen, die jeder Logik trotzten, und mit ihm ihre widerspenstigen Gene über mehrere Generationen meiner Art hinweg verteilen. Erst als ihr Nachwuchs geschlüpft war, begannen wir, die Wahrheit zu sehen.'
Die Augen der Kreatur starrten ausdruckslos in die Bäume. 'Was passierte mit ihr? Mit ihren Kindern?'
'Wir aßen die Kinder. Was sie anbelangt, wir wagten es nicht, sie anzufassen, während sie den Schleier trug. Stattdessen lockten wir sie an einen Ort, von dem sie nicht fliehen konnte und warteten auf ihren Tod. Bis heute bleibt ihr Körper so schön, wie er nie war. Niemand meiner Art wagt es, den Schleier zu entfernen.'
Für kurze Zeit war es still. 'Ihr habt ihre Kinder getötet?'
'Das ist natürlich', sagte ich. 'Aber seht Ihr? Ihr wünscht Euch den Schleier, sodass ihr Eure Realität ändern und eure Familie zurückbringen könnt, aber so funktioniert das nicht. Aragnya war in den Augen anderer schön, aber wenn sie ihre Reflektion im Wasser sah, sah sie einen Krüppel. Die Realität wird sich für jeden ändern, außer für Euch.'
Erst nach einer Weile sprach die Kreatur erneut und ich fragte mich, ob sie mich nicht gehört hatte. 'Hunderte von Kindern...'
'Tausende', sagte ich. 'Falls sie weitergelebt hätten, hätten Aragnyas Gene unser ganzes Volk vergiftet. Wir hätten nicht überlebt.' Ich zögerte. 'Versteht Ihr jetzt, warum ich Euch nicht zum Schleier führen kann?'
'Ich habe meine Kinder so lange nicht mehr gesehen.'
'Ihr habt nie erklärt, warum Ihr nicht einfach nach Hause gehen könnt.'
'Weil...' Die Kreatur stoppte, tief in Gedanken versunken. 'Weil ich verbannt wurde. Ich wurde verbannt, weil ich ein Wesen bin, das sehr mächtig ist und jemand Angst hatte, ich könnte das nutzen. Ich wurde verbannt für das, was sie sahen, wenn sie mich anschauten.' Eine weitere Pause. 'Erzählst du mir mehr über Aragnya? Wie sie gestorben ist?'
'Ich kann nicht sagen, dass es noch viel zu erzählen gibt', antwortete ich. 'Wir nennen den Ort, an dem wir sie gefangen hielten, die lebende Zelle. Ein Gefängnis geformt aus Kreaturen, die vertilgen, wenn sie auf Widerstand stoßen. Die zu dümmlich sind, zu hirnlos, um von dem Schleier getäuscht zu werden. Ein schrecklicher Weg zu leben, zu sterben.'
'Die Ameisen-Kolonie im Norden', murmelte die Kreatur, möglicherweise zu sich selbst.
Es wurde ruhig. Ein Bein bewegte sich, um den Regen wegzuwischen, und erst dann sah ich, dass fünf kleinere Beinchen dort hervorstanden - fast so geschickt wie mein gesamter Körper. Es ist zu studieren, dachte ich einmal mehr. Der Autor solcher Entdeckungen zu sein...
Ich machte mich bereit, das Gift in meinen Reißzähnen kribbelte. Ich könnte es in wenigen Augenblicken paralysieren. Aber etwas hielt mich davon ab. Etwas Bedeutungsloses, unmöglich es zu beziffern oder einzufangen.
Die Kreatur stand wieder auf, drehte sich um und sah mich an. 'Du hast mir gut gedient, 0078, du sollst belohnt werden.'
Ich blinzelte. 'Ihr braucht nicht länger Hilfe von mir oder meiner Art?'
Die Kreatur antwortete nicht darauf. Stattdessen griff sie mit ihren fünf kleinen Beinchen nach meinem gebrochenen Bein. Ein Lichtstrahl, dann griff es auch nach meinem anderen Bein. Ein weiterer Strahl. Erst als ich sah, wie sich die Mundwinkel des Wesens hoben, realisierte ich, dass meine Beine nicht länger gebrochen waren.
'Danke.'
'Bedanke dich nicht so voreilig',sagte es. 'Ich habe einen Auftrag für dich.'
'Alles was Ihr wollt, für das, was Ihr getan habt. Alles.'
'Geh zu deinem Netz zurück und dokumentiere unser Treffen, all das was hier heute passiert ist. Und dann verabschiedest du dich von denen, die du liebst, denen du nahe stehst.'
Mein Körper war wie erstarrt. Die Kreatur fuhr fort.
'Du hast mir von eurer Art erzählt, deinem Volk, und ich finde es ekelhaft. Ihr habt tausende von unschuldigen Kindern getötet. Dafür kann es keine Vergebung geben. Aber es kann Gerechtigkeit geben. Und danach... danach werde ich einen Weg nach Hause finden.'
Nach diesen letzten, abschreckenden Worten verschwand die Kreatur. Und so habe ich mich auf den Weg zurück zu meinem Netz gemacht, um diese Geschichte niederzuschreiben. Für wen? Ich weiß es nicht. Vielleicht für andere Kreaturen von anderen Welten, weil mir nun klar geworden ist, dass es Kreaturen von unterschiedlichen Welten geben muss, die auch zu intelligenten Gedanken fähig sind.
Mein Netz wackelt und ich weiß, dass ich die Netze von denen finden werde, die der Kreatur namens Elidinis bereits zum Opfer gefallen sind, wenn ich meiner Seide folge. Ich kann das Geräusch der Elektrizität hören, die meine Artgenossen lebendig verbrennt. Und ich weiß, dass die Kreatur nicht so aussehen wird wie in meiner Erinnerung, wenn sie zu mir kommt. Ich werde sie nur durch das Geräusch des Todes wiedererkennen, das zwischen ihren Gliedern knistert.

Mein Netz wackelt wieder, noch stärker als zuvor. Ich höre ein knisterndes Geräusch. Die Kreatur ist da.